Dünen der Ostseeküste

Küstendünen bestehen aus einem kleinteiligen Komplex verschiedener Lebensräume mit natürlicherweise sehr hoher raum-zeitlicher Dynamik. Sie bieten Pflanzen und Tieren entsprechend variierende Lebensbedingungen und sind durch die abnehmende Nähe zum Meer, ihre Entwicklungsgeschichte und spezifische in ihr lebende Pflanzen- und Tiergemeinschaften geprägt. Die Biotopanlage Küstendüne dient der Vermittlung dieser auch für den Küstenschutz wichtigen Zusammenhänge.

Woraus bestehen Küstendünen?
Strandhafer begünstigt die Ablagerung angewehten Sandes und wächst in den Ablagerungen mit empor (Foto: Björn Russow)

Küstendünen sind Ablagerungen nahezu reinen Quarzsandes, der ursprünglich aus der Gesteinsverwitterung in Gebirgen stammt und mit den Flüssen ins Meer transportiert wurde. Meeresströmungen können mit Unterstützung stärkerer Winde Sand vom Meeresboden an die Küsten transportieren. Dort wirft die Brandung mäßig grobkörnigen Sand auf und vermischt ihn mit zerriebenen Muschelschalen, Pflanzen- und Tierleichen und anderem Getreibsel. Der oberflächlich schnell austrocknende Sand wird in der Folge landeinwärts geweht und lagert sich im Windschatten von Pflanzen ab, die im Sand wachsen.

Für die anschließende Dünenbildung entscheidend sind einige kräftige und gesellig wachsende Gräser als durchblasbare Hindernisse, in denen sich hinreichende Mengen an Sand ablagern und die in den sich ablagernden Sandschichten mit emporwachsen. Der sich ablagernde Sand sorgt dabei für Nachschub an wichtigen Nährstoffen. Denn zunächst enthält der Sand Kalk und Nährstoffe, die im Meerwasser gelöst oder mit Bruchstücken toter Organismen und Getreibsel eingemischt sind. Ohne erneute Umlagerung werden sie bald durch Regenwasser ausgewaschen, so dass Sanddünen schnell oberflächlich entkalkt und entbast werden und versauern.

Wie entwickeln sich Küstendünen?
Mehrere aufeinander folgende Spülsäume bieten Keimorte und Nährstoffe für Spülsaumarten. An der Ostsee auftretende Spülsäume werden typischerweise durch große Mengen abgerissener Blätter des Gewöhnlichen Seegrases (Zostera marina) gebildet, eine bis in 10 m Wassertiefe im Sediment wurzelnde Höhere Pflanze (Foto: Björn Russow)
Im Vordergrund in Aufsandung und im Hintergrund in Absandung befindliche Weißdünen mit Strandhafer (Ammophila arenaria, Foto: Björn Russow)
Die Stranddistel (Eryngium maritimum) als Pionierart auf Weißdünen (Foto: Dr. Kristian Peters)
Die Wiesen-Kuhschelle (Pulsatilla pratensis) als Besiedler konsolidierter Graudünen (Foto: Björn Russow)

Küstendünen können nur dort entstehen, wo durch Meeresströmungen Sand angelandet wird und Wind mit einer Geschwindigkeit von mindestens 6 m/sec über nackte Sandflächen bläst, um den Sand weiter landeinwärts zu transportieren. Hinter den ersten Hindernissen, die Spülsaum und liegengebliebenes Getreibsel bilden, kommt Sand bereits zur Ablagerung und bietet Orte für die Ansiedlung ephemerer Spülsaumvegetation, die sich aus annuellen Nitrophyten zusammen setzt.

Die erste Bildung von Dünen vollzieht sich im Windschatten erster Pflanzen von Binsen-Quecke (Elymus farctus) und Strandroggen (Leymus arenarius), wo sich niedrige Primärdünen anhäufeln. Durch Ansiedlung des Standhafers (Ammophila arenaria) gehen diese in steilkuppige Weißdünen über, die sich zu einem Wall zusammenschließen und zu mehreren Metern Höhe anwachsen können. Durch zunehmende Vegetationsbedeckung wird der Sand in der Folge festgelegt und es sammelt sich darin organische Substanz an: Ein zunehmend humoser A-Horizont kennzeichnet die Weiterentwicklung im Zuge der Sukzession zur Graudüne. Infolge der Beruhigung des Sandes werden die oberen Sandlagen durch das Regenwasser schnell entkalkt und dann entbast. Diese bodenbildenden Prozesse leiten die weitere Entwicklung zur Braundüne ein, bei der zusätzlich zur Humusakkumulation sich neu bildende Tonminerale und Eisenoxide sich ansammeln, die den Oberboden bräunlich färben und bindiger machen.

Die Vegetation ist auf den Primär- und Weißdünen noch lückig und arm an Arten. Auf den Primärdünen kann neben Binsen-Quecke (Elymus farctus) und Strandroggen (Leymus arenarius) auch die Salzmiere (Honckenya peploides) bei der Befestigung des Sandes mitwirken. Zu diesen salztoleranten Arten (Halophyten) gesellt sich der Standhafer (Ammophila arenaria) erst hinzu, wenn sich genug Wurzelraum oberhalb des Einflussbereichs salzigen Grundwassers gebildet hat, da er nur geringe Salzkonzentrationen im Wurzelraum toleriert. In den sich aufhäufenden Weißdünen treten zum Standhafer wenige neue Arten hinzu, die ebenfalls nur schwach salztolerant sind, wie Baltischer Strandhafer (X Ammocalamagrostis baltica), Strand-Platterbse (Lathyrus japonicus ssp. maritimus) und Stranddistel (Eryngium maritimum). Die genannten Arten tolerieren die starke mechanische Beanspruchung durch den Wind und vorübergehenden Salzeintrag. Zeitweilige Sandüberwehungen sind dagegen nicht nur geduldet, sondern erforderlich, da sie den Pflanzen wichtige Nährstoffschübe liefern, die essenziell für ein fortgesetztes Wachstum sind.

An den meerferneren Standorten der Graudüne fehlt dieser Sand- und Nährstoffnachschub bereits weitgehend, so dass zur genannten Humusakkumulation und Auswaschung von Basen auch Nährstoffverarmung hinzutritt. Dennoch nimmt hier die Artenzahl zu, indem sich weitere Pioniergrasarten wie Dünen-Rot-Schwingel (Festuca rubra ssp. arenaria) und Land-Reitras (Calamagrostis epigejos) und anspruchslosere, z. T. xeromorphe Landpflanzen ansiedeln. Unter letzteren sind Dünen-Schaf-Schwingel (Festuca polesica), Wiesen-Kuhschelle (Pulsatilla pratensis) und Echter Wundklee (Anthyllis vulneraria), von dem die Unterart A. v. ssp. maritima (Hagen) Corb. beschrieben wurde, die charakteristischerweise Dünen der Ostseeküste besiedelt, deren taxonomische Differenzierung sich jedoch nicht aufrechterhalten ließ.

Ältere bodenverarmte Dünenstandorte, die ab und an eine nochmalige Bodenverwundung erfahren, werden von Magerkeitsspezialisten und Säurezeigern (Acidophyten) wie Krähenbeere (Empetrum nigrum) und Besenheide (Calluna vulgaris) sowie bei häufiger Bodenverwundung Silbergras (Corynephorus canescens) besiedelt, die bereits die Braundüne und den Übergang zu acidophytischer Binnenlandvegetation charakterisieren. Auch Baumgehölze können bald in feuchteren Dünentälchen Fuß fassen, im südlichen Ostseeraum insbesondere die Wald-Kiefer (Pinus sylvestris), aber auch die Hänge-Birke (Betula pendula) und die Stiel-Eiche (Quercus robur).

In etwas geschützten Leelagen der Weißdünen und im Graudünenbereich können sich auch Dünengebüsche schnell einstellen, die aus Kriech-Weide (Salix repens) und Sanddorn (Hippophae rhamnoides) aufgebaut werden und Anschluss zu süßem Grundwasser im Wurzelraum anzeigen. Sie stehen damit auch in ökologischer Verbindung mit der Vegetation immer feuchter Dünentälchen, in denen typischerweise die Baltische Binse (Juncus balticus) anzutreffen ist.

Küstendünen an der Ostsee

Im Prinzip entsprechen Dynamik und sukzessionsbedingte Zonierung der Dünen der Ostseeküste denen der Nordseeküste. Aufgrund spezifischer Eigenschaften der Ostsee als Quasi-Binnenmeer verlaufen dort dynamische Prozesse jedoch in oft abgeschwächter Form. Dies hat zur Folge, dass Strand- und Dünenbereiche oft geringer ausgedehnt sind und die einzelnen Bestandteile kleiner und näher beieinander sein oder Sukzessionsstadien ganz fehlen können. Das Spektrum an Pflanzenarten ist oft etwas ärmer, insbesondere Spülsäume sind vielfach nur fragmentarisch ausgebildet. Der Baltische Strandhafer (X Ammocalamagrostis baltica), ein Bastard aus Strandhafer (Ammophila arenaria) und Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos), ist auf den Weißdünen der Ostsee so weit verbreitet, dass reiner Strandhafer mengenmäßig zurück tritt. Bereiche progressiver Strandverschiebung durch mehrfache starke Sandanschwemmung zeigen oft mehrere gleich gestaltete, niedrige Wälle hintereinander, deren Bewuchs auf zunehmendes Alter hindeutet, wie z. B. am Darß. Der vergleichsweise geringe Salzgehalt des Ostseewassers spielt für die Dünenentwicklung keine Rolle, jedoch kann an der östlichen Ostsee der Strandhafer (Ammophila arenaria) wegen des abnehmenden Salzgehalts bereits in Primärdünen auftreten.

An den Ostseeküsten finden sich nur noch selten Bereiche, in denen die ungestörte Dynamik und Entwicklung von Primär- bis Braundüne zu beobachten sind. Viele dünentypische Pflanzen- und Tierarten sind in Mecklenburg-Vorpommern mittlerweile vom Aussterben bedroht. Die letzten naturnahen Dünen des Landes befinden sich meist in Schutzgebieten und sind aufgrund ihrer Empfindlichkeit gegen Störungen dem Besucher nicht zugänglich. Größere Vorkommen naturbelassener Dünenkomplexe mit einer authentischen Sukzessionsfolge finden sich in Mecklenburg-Vorpommern noch auf den Halbinseln Wustrow und Fischland-Darß-Zingst sowie auf Rügen und Hiddensee.

Gefährdung von Küstendünen
Die aus den Dünenlebensräumen Ostasiens stammende Kartoffelrose (Rosa rugosa) hat sich auch in Europa als konkurrenzkräftig erwiesen, so dass sie mancherorts die einheimische Vegetation verdrängt (Foto: Dr. Kristian Peters)

Da sich in Küstendünen verschiedene Lebensräume in direkter Nachbarschaft befinden, beherbergen sie eine Vielzahl an Pflanzen- und Tierarten. Dass diese nur wenig bekannt sind, liegt auch daran, dass fast alle Küstenabschnitte nicht mehr naturbelassen, sondern durch den Einfluss des Menschen überformt sind.

Intensive Freizeitnutzung gefährdet die empfindlichen Lebensräume des Dünenkomplexes: Die dünne Vegetationsdecke der Weiß- und Graudünen wird durch Wege zerschnitten und durch Besucher zertreten, da der durch den Wind abgelagerte Sand sehr locker ist und durch Tritt stark verdichtet wird, was auch die horizontal wachsenden Wurzelebenen der Pionierarten schädigt. Durch Strandberäumung werden den Spülsäumen angeschwemmte Pflanzensamen, deren Keimorte und wichtige Nährstoffe entzogen, während die kargen, älteren Dünenbereiche durch Lebensmittelreste und Exkremente wiederum mit Nährstoffen und Samen standortfremder Pflanzenarten belastet werden. Ganze Dünenlandschaften werden durch Tourismus- und Wohnbebauung „mit Meerblick“ vollkommen zerstört.

Auch Hochwasserschutzmaßnahmen wie die Neuanlage und Bepflanzung von Dünen stellen einschneidende Eingriffe in den Lebensraum dar: Die gezielte Anpflanzung von Strandhafer (Ammophila arenaria), oft vermengt mit dem wuchsstarken Bastard Baltischer Strandhafer (X Ammocalamagrostis baltica), unterbricht die natürliche Dünenentwicklung und Sukzessionsabfolge, und zur Dünenfestlegung und Dekoration eingeführte Arten wie Kartoffelrose (Rosa rugosa) aus Ostasien und Schmalblättrige Ölweide (Elaeagnus angustifolia) aus Zentralasien verdrängen einheimische Arten durch ihre Konkurrenzstärke.

Meeressand als knappe Ressource

Strand- und Dünenlandschaften und deren Biozönosen sind auch infolge des Baus von Verkehrsanlagen an Küsten und des Abbaus mariner Sandvorkommen inzwischen weltweit gefährdet. Mit dem allgemeinen Technisierungsfortschritt und Bevölkerungswachstum steigt der Bedarf an Sand als grundlegender Ressource für die Menschheit längst nicht nur für den Bau von Gebäuden und Infrastruktur, sondern auch für die Herstellung zahlreicher Produkte weiter an. Wüstensand ist hierfür meistens nicht geeignet, da die Körner aufgrund anhaltenden Transports durch den Wind rund geschliffen sind und hierdurch das Sandgefüge keine Stabilität aufweist. Durch Fluss- und Meerwasser transportierte Sandkörner besitzen dagegen eine kantige Oberfläche, die sie miteinander verhaken lässt und damit das Gefüge stabilisiert.

Mit großer Intensität werden weltweit Sandvorkommen fluviatilen und marinen Ursprungs quantitativ abgebaut, was insbesondere in geologisch sandärmeren Gebieten Asiens und Afrikas zum Verschwinden die Küsten schützender Strände und Dünen sowie zahlreicher pazifischer Inseln geführt hat. Dort ist Sand zu einem teilweise illegal und teuer gehandelten Exportgut geworden. Wesentlich hierbei ist, dass aufgrund der hohen natürlichen Dynamik des Meeressandes der Abbau des Sandes an einem Ort den Nachschub an Sand an einem anderen Ort unterbindet oder nahe gelegene unangetastete Sandvorkommen inklusive Stränden seitlich nachsacken und so verschwinden können. Durch das Verschwinden des Sandes verlieren Küsten ihren natürlichen Schutz gegen Sturmfluten und werden durch die Brandung angegriffen und abgebaut. Hierzu tragen auch an Stränden errichtete Gebäudezeilen sowie Verkehrsanlagen insbesondere an Häfen bei, welche die Küsten senkrecht durchschneiden. Vielerorts, auch an der Ostsee, wird hierdurch der küstenparallele Sandstrom unterbrochen, was starke Ungleichverteilungen des Sandes mit Verschiebungen natürlicher Auflandungs- und Abtragungsbereiche entlang der Küste nach sich zieht.

Ein Stückchen Warnemünde im Botanischen Garten
Der traditionell als Wildgemüse gesammelte Echte Meerkohl (Crambe maritima) ist an der Ostseeküste fast nur noch in Schutzgebieten zu finden (Foto: Björn Russow)
Blüten- und Fruchtstand des Strand-Dreizacks (Triglochin maritima, Fotos: Björn Russow)

Der breite Strand- und Dünenbereich vor Warnemünde ist das Ergebnis einer über hundertjährigen Stauung einer von West nach Ost verlaufenden Sandströmung an der Warnemünder Westmole, welche die Zufahrt zu den Rostocker Häfen schützt. Aus den Sandablagerungen können hier Nordwestwinde ständig neue Dünen aufhäufen, die typische Elemente der Dünenbildung und -vegetation aufweisen. Diese möchte der Botanische Garten dem Besucher gebündelt auf kleinem Raum in der Biotopanlage Küstendüne verständlich machen. Auf echtem Warnemünder Dünensand wachsen z. T. seltene Pflanzenarten, die für Kleinlebensräume der Ostseeküste typisch sind.

Neben den oben bereits beschriebenen Lebensräumen des Dünenkomplexes beinhaltet die Biotopanlage ferner einen Steinstrand-Bereich, auf dem die charakteristischen salztoleranten Pionierarten Echter Meerkohl (Crambe maritima), Gemeine Rübe (Beta vulgaris, die wilde Ausgangsform der Kulturrüben) und der aus Asien und Osteuropa eingebürgerte Tataren-Lattich (Lactuca tatarica) wachsen. Im unteren Bereich der Dünenanlage ist eine kleine Sandsalzwiese angegliedert, wie sie sich natürlicherweise im Schutz von Sandbänken und Dünenzügen bilden kann, wo sie noch ab und an durch Salzwasser überflutet wird. Die an der Ostsee typische Artenkombiantion wird durch die hier erforderliche Salztoleranz der Arten und Mahd oder Beweidung hervor gerufen. Insbesondere unter Beweidung stellt sich eine charakteristische Kombination leicht halotoleranter Weideunkräuter ein mit Bodden-Binse (Juncus gerardii), Armblütiger Sumpfbinse (Eleocharis quinqueflora), Strand-Milchkraut (Glaux maritima), Erdbeer-Klee (Trifolium fragiferum), Roter Quellbinse (Blysmus rufus), Strand-Dreizack (Triglochin maritima) und Sumpf-Dreizack (T. palustris).

Für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Neugestaltung der Dünenbiotopanlage seit Herbst 2013 dankt der Botanische Garten der Arbeitsgruppe Geobotanik im NABU Mecklenburg-Vorpommern, dem Freundeskreis Botanischer Garten Rostock, dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mittleres Mecklenburg und allen weiteren ehrenamtlichen Helfern!